Im Stadtgebiet von Stuttgart treten seit über 500 000 Jahren Mineralquellen aus, die an das Störungssystem des Fildergrabens gebunden sind. Diese Mineralwässer mit hohem Gehalt von Hydrogencarbonat, Kohlensäure, Sulfat und teilweise Eisen ließen mächtige Kalkabsätze (Travertine) entstehen. Sie bildeten sich während der Warmzeiten innerhalb des Pleistozäns. Während der Kaltzeiten waren die Böden häufig gefroren (Permafrost), so dass keine Wasserbewegung möglich war. Die Travertine bildeten sich auf Flussterrassen des Neckars, wobei über den Terrassenschottern Travertin-Mächtigkeiten bis zu 30 m entstanden, die sich über mehrere Kilometer verfolgen lassen. Das mineralhaltige Wasser verrieselte auf den Terrassen, verlor einen Teil des gelösten CO2 und infolge dessen wurde der Kalk abgesetzt. Dazu kam Eisenocker, der den Travertinen von Stuttgart die charakteristische Gelb- und Brauntönung verleiht. Der mehrfache Wechsel von Warm- und Kaltzeiten führte zur Bildung mehrerer, unterschiedlich alter Terrassen, die neben dem Travertin von Lösslehm und Auenmergel bedeckt wurden. Die jüngsten Travertine sind etwa vor 6000 – 7000 Jahren nach Ende der letzten Kaltzeit abgesetzt worden. Die Travertine enthalten bedeutende Fossilien, deren Bergung und Bestimmung wichtige Erkenntnisse zu ihrer zeitlichen Einordnung und zur Urgeschichte des Neckarlandes erbracht haben. Viele Fossilien, darunter Knochen eines Waldelefanten, sind im Stuttgarter Naturkundemuseum am Löwentor zu sehen. Der Stuttgarter Travertin war über Jahrzehnte ein gesuchter Bau- und Dekorstein, der früher in mehreren Brüchen abgebaut wurde.
Der Abbau im Steinbruch der Firma Lauster in Stuttgart-Bad Cannstatt auf der linken Neckarseite ruht seit 2007. Es sind noch Restprofile des Travertins vorhanden. Insgesamt war hier eine bis maximal 25 m mächtige Abfolge mit 6 Travertinlagern aufgeschlossen, die durch „Lehmhorizonte“ aus Lösslehm oder Auenmergel getrennt sind oder sich durch Wechsel in Farbe und Struktur des Travertins unterscheiden. Unter dem Gesteinspaket mit dem Travertin finden sich ältere Auenmergel („Liegende Mergel“) und darunter Neckarschotter. Als Industriedenkmal steht auf dem heute von einem Recyclingbetrieb genutzten Gelände die historische „Lausterhalle“, in der früher die im Steinbruch gewonnenen Travertinblöcke in großem Umfang maschinell zu Werksteinen weiterverarbeitet wurden.
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Travertinsteinbruch der Fa. Lauster Steinbau, Bad Cannstatt: Blick auf eine mit der Schwertsäge frisch freigelegte Wand im Cannstatter Travertin
Stuttgart-Travertin (Steinbruch der Fa. Lauster Steinbau, Bad Cannstatt) – Blick auf eine mit der Schwertsäge frisch freigelegte Wand
Travertinsteinbruch der Fa. Lauster Steinbau, Bad Cannstatt: Blick auf eine mit der Schwertsäge frisch freigelegte Wand im Cannstatter Travertin
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Travertinsteinbruch der Fa. Lauster Steinbau, Bad Cannstatt: Abbau des Travertins mit der Schwertsäge (März 2000)
Travertinsteinbruch der Fa. Lauster Steinbau, Bad Cannstatt: Abbau des Travertins mit der Schwertsäge (März 2000)
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Travertinsteinbrüche in Stuttgart-Bad Cannstatt und -Münster sowie Lage und Ausdehnung von Restvorräten an Cannstatter Travertin (Stand 2012)
Travertinsteinbrüche in Stuttgart-Bad Cannstatt und -Münster sowie Lage und Ausdehnung von Restvorräten an Cannstatter Travertin (Stand 2012)
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Cannstatter Travertin, Gesteinsstruktur im Schnitt senkrecht zur Schichtung: gelblichbrauner Travertin, Fassadenplatte an der Staatsgalerie Stuttgart (Bildhöhe ca. 30 cm)
Cannstatter Travertin, Gesteinsstruktur im Schnitt senkrecht zur Schichtung: gelblichbrauner Travertin, Fassadenplatte an der Staatsgalerie Stuttgart (Bildhöhe ca. 30 cm)
Am besten zu beobachten ist der Travertin heute an der ehemaligen Abbauwand des Neuen Steinbruchs der Firma Haas. Die größte Mächtigkeit des Travertins und der trennenden Lehmhorizonte ist nach der idealisierten Schichtenfolge (s. Abb. rechts) zusammen ca. 2,5 m geringer anzusetzen als im benachbarten Steinbruch Lauster. Der überlagernde Löss ist dagegen um bis 1 m mächtiger. Der Profilaufbau wechselt jedoch in beiden Vorkommen kleinräumig. Die heute erhaltene Wand ist bis etwa 15 m hoch. Wie auch im Steinbruch Lauster wurden besonders in den Travertinlagern 5 und 6 Fossilien gefunden, hier z. B. der Schädel eines Waldelefanten sowie altsteinzeitliche Artefakte aus Feuerstein.
Das Steinbruchgelände der Firma Haas gehört heute zum Travertinpark. Dieser Landschaftspark besteht seit 2010 und zeigt außerdem die restaurierte Brückenkrananlage der früheren Firma Schauffele, deren Steinbruch verfüllt ist. Durch den Travertinpark verläuft noch das Schotterbett sowie ein kurzer Gleisabschnitt mit Bahnübergang der ehemaligen, elektrisch betriebenen Industriebahn.
Knapp 2 km südlich des Travertinparks liegt auf der rechten Neckarseite etwas versteckt ein weiterer Aufschluss im Travertin. Er findet sich südöstlich des Bahnhofs Bad Cannstatt, am nördlichen Ende der Heinrich-Ebner-Straße, in einem ehemaligen Straßeneinschnitt. Hier ist von geringmächtigem Löss überdeckter, plattiger und gebankter Travertin im Wechsel mit Tuffsanden zu sehen. Der Aufschluss ist auf etwa 0,05 ha als Naturdenkmal geschützt und mit Schautafeln versehen.
Weiterführende Informationen finden sich bei Bachmann & Brunner (1998), Brunner (1998b), Koban (1993), Reiff (1955) und Werner et al. (2013).
Externe Lexika
Wikipedia
Weiterführende Links zum Thema
Literatur
- (1998). Nordwürttemberg – Stuttgart, Heilbronn und weitere Umgebung. – Sammlung geologischer Führer, 90, 403 S., Berlin (Borntraeger).
- (1998b). Erläuterungen zu Blatt Stuttgart und Umgebung. – 6. Aufl., Geologische Karte von Baden-Württemberg 1 : 50 000, 298 S., Freiburg i. Br. (Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden-Württemberg).
- (1993). Faziesanalyse und Genese der quartären Sauerwasserkalke von Stuttgart, Baden-Württemberg. – Profil, 5, S. 47–118. [80 Abb., 6 Tab.]
- (1955). Über den pleistozänen Sauerwasserkalk von Stuttgart – Münster – Bad Cannstatt. – Jahresberichte und Mitteilungen des Oberrheinischen Geologischen Vereins, N. F. 37, S. 56–91, 1 Beil. [6 Abb.]
- (2013). Naturwerksteine aus Baden-Württemberg – Vorkommen, Beschaffenheit und Nutzung. 765 S., Freiburg i. Br. (Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau).




